|
Wolfgang Dohl - Musikredakteur
Mitarbeiter des "Jazz Podium"
|
||||||||||||||||||||||
|
Biographie |
|
Studierte in Frankfurt klassische Musik bei Paul Zoll. Schon 1954 erster Preisträger bei einem Klavierwettbewerb des
Amerikahauses. "Nebenbei" Pianist und Arrangeur im Tanzorchester Günter König. Wohnte nur wenige Schritte vom
legendären Althoffbau entfernt und hörte dort das RIAS-Tanzorchester mit dem Trompeter Macky Kasper, Max Greger
und Erwin Lehn. Aber es waren Rundfunksendungen wie "Jazztime Baden-Baden" (SWF), "Mitternacht in München"
(AFN) und Konzerte mit Stan Kenton, Kurt Edelhagen und Hans
Koller, die zum Jazz und dem Aufbau einer großen Platten- und Tonbandsammlung führten, die mit dem „Trumpet Blues“
von Harry James begann und von Swing über Bop und Cool bis zum Free Jazz reicht.
1955-58 eigene Combo im "Flamingo Club“, zunächst im Stil von Oscar Peterson. Erkennungsmelodie war der eigens komponierte "Flamingo Club Riff". Ab den sechziger Jahren parallel zu einer beruflichen Karriere als Luftverkehrskaufmann vorwiegend journalistisch tätig. Musiker-Portraits und Rezensionen in Fachzeitschriften und überregionalen Tageszeitungen, Presseinformationen für Plattenfirmen und Konzertveranstalter, eine regelmäßige Kolumne in der "Frankfurter Neuen Presse" und auf Einladung von Joachim Ernst Berendt Mitarbeiter beim Programm der "Berliner Jazz-Tage". Für Lippmann & Rau und MPS Platten-Cover-Texte (Oscar Peterson, Hans Koller, Jutta Hipp). 1972 Gast bei Dr. Dietrich Schulz-Köhn in der WDR-Sendung "Jazz zur Diskussion gestellt". Mitbegründer des „Manhattan Quartet“, einer Band, die im Stil von Jonah Jones spielte, mit dem Swing-Trompeter Rudi Bunn und Big Willie M. Gross am Schlagzeug, der schon im "Flamingo Club“ dabei war. 1974 im Auftrag von Kurt Edelhagen Autor der ersten Chronologie der Geschichte seines Orchesters. 1976-1993 Musikredakteur beim "Inflight Entertainment“ der Lufthansa. Hier mehr als 1000 Sendungen produziert, von Klassik bis "Jazz On Channel 10“. Namhafte Mitarbeiter wurden verpflichtet (Marcel Prawy, Joachim Ernst Berendt, Frank Laufenberg u.a.) und aus wohlgehüteten Archiven konnte so manche Rarität, die es nicht (oder nicht mehr) auf Platten gab, in die Sendungen eingebaut werden. Selbst mit dem amerikanischen Bandleader Ray Anthony wurde 1984 in Hollywood ein Spezialprogramm aufgenommen. Vieles wurde auf MC oder CD veröffentlicht und gilt heute, da damals nur in limitierten Auflagen erschienen, als vielgesuchtes Sammlerstück, so etwa „The Great Big Bands", "Träumerei in Swing (mit Paul Kuhn), Days Of Wine And Roses" (mit Barbara Dennerlein) und vor allem "Jazz Collector's Classics“ - die bis heute beste Dokumentation der Geschichte des Jazz in Deutschland. Seit 2000 Teilnehmer beim "Frankfurt Jazz Workshop“, einer Diskussionsrunde mit Experten wie Wolfgang Kurth und Uli Gildemeier. Im "Jazz Podium", später auch bei "InsideJazz", der Jazzsendung von Radio Rüsselsheim, erschien eine zweiteilige "Big Band Retrospektive" (1999/2001) und "Big Bands in Deutschland" (2006). Über Combos und Solisten oder die Bedeutung des Anfang der fünfziger Jahre entstandenen europäischen Cool Jazz kann man in der "Geschichte des Deutschen Jazz Festivals" (2002) nachlesen. Für das Buch „Der Frankfurt Sound - Eine Stadt und ihre Jazzgeschichten“ von Jürgen Schwab und die Ausstellung "Eine Zeitreise in Jazz" (2004) wurden eine Reihe seltener Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Zuletzt erschienen im Jazz Podium:
Big Bands in Deutschland |
| ||
|
Let'em Swing! Big Bands in Deutschland | ||
|
Als in Amerika die Zeit der Big Bands zu Ende ging, fing sie in Deutschland erst so richtig an. Wie so vieles begann das
alles in Berlin. Große Orchester gab es hier schon lange. Namen wie Heinz Wehner, Max Rumpf oder Kurt Hohenberger hatten
schon in den 1930er Jahren einen guten Klang und so manche Aufnahme - etwa die aus dem Jahr 1942 stammende "Studie in F"
mit dem Orchester von Horst Winter -wurde zur Legende.
1. Die frühen JahreSchon im März 1946, kaum ein Jahr nach Kriegsende, spielte dann das im Osten der Stadt angesiedelte Radio-Berlin-Tanzorchester mit der "Sentimental journey" die erste Aufnahme ein, die nach dem Krieg von einer deutschen Schallplatttenfirma (Radiophon) gemacht wurde. Und so lange es vor der Währungsreform die Originale aus Amerika nicht gab, spielten eben die deutschen Orchester, allen voran Horst Kudritzki und das RBT-Orchester (das vorher von Michael Jary und später von Erwin Lehn geleitet wurde), Walter Dobschinski's Swing Band des Berliner Rundfunks und auch die "amerikanischste der deutschen Big Bands", das viel gelobte Orchester von Lubo D'Orio (ein gebürtiger Bulgare, der schon in den 30er Jahren zum Musikstudium nach Berlin gekommen war und schnell auf der Szene heimisch wurde) die aktuellen Swingnummern, die man aus dem AFN oder Filmen wie "Adoptiertes Glück" und "Badende Venus" kannte: "Moonlight serenade", "Trumpet blues", In the mood" und wie sie alle hießen. Auf 78er-Schellacks (für eine neue musste man zwei alte Platten abgeben) war diese Zeit recht gut repräsentiert. Neben dem Ledermuseum in Offenbach wohnt Heinz Rosenberger, dem wir als Zeitzeugen viele Informationen über das verdanken, was vor 1950 geschah. "In Vaters Plattenschrank standen etwa 200 Aufnahmen", erzählte er. "Bei jeder Familienfeier waren es weniger." Die fehlenden hatte er im Plattenladen gegen neue vom RBT-Orchester oder Lubo D'Orio eingetauscht. Bis heute ist daraus eine Sammlung von über 150 000 Titeln geworden. Electrola, Telefunken, Amiga, Austroton, Polydor, Brunswick und Philips hatten viel swingende Big-Band-Musik in ihren Katalogen. Fast alle regionalen Rundfunkstationen und viele amerikanische und englische Soldatenclubs leisteten sich ihr eigenes Orchester. Es waren "Tanzorchester", die zwar in der Hauptsache Evergreens und Tagesschlager zu spielen hatten, aber in ihren Band Books immer eine beachtliche Anzahl von ausgesprochenen Swing- und Jazznummern hatten. Kein Wunder, denn ihre besten Solisten kamen ja aus dem JazzIager. Während die schon damals strenge Kritik es verdienten Musikern nie verzieh, wenn sie einmal versucht hatten, im kommerziellen Lager das Geld zu verdienen, was sie im Jazz nie verdienen konnten, tolerierte man bei den großen Orchestern das Nebeneinander von Jazz und Commercial und freute sich über jede Jazz- bzw. jazzbeeinflusste neue Platte. Selbst die oft so geschmähte Schlagermusik dieser Jahre erschien interessant, wenn Swingelemente hineingeschmuggelt wurden und ihre Stars und Sternchen (Rita Paul, Bully Buhlan, Evelyn Künnecke, Ilja Glusgal) von den großen Tanzorchestern begleitet wurden. Aber viele, die in den Rundfunkanstalten das Sagen hatten, sahen das ganz anders. Nachdem bei Radio Frankfurt Willy Berking zum ersten Mal mit Louis Freichel und Benno Schilling auf einer öffentlichen Veranstaltung seine gepflegte Tanzmusik gespielt hatte, gab es schon Überlegungen, die Kapelle wieder aufzulösen, weil sie "durch das Fehlen von Streichern zu hart im Klang sei..." Noch 1952 schrieb der Intendant an den Leiter der Unterhaltungsabteilung (alles nachzulesen im Begleitheft zur Ausstellung "Jazz Is Here To Stay - Von der Hauskapelle zur Big Band", Hessischer Rundfunk 1997)."lch glaube, wir ärgern durch schräge Musik und Trompetentöne die Mehrzahl unserer Hörer..." Werner Müller, Kurt Edelhagen und Erwin Lehn wurden die großen deutschen Bandleader, doch zeitlich kommen noch ein paar andere vor ihnen: Kurt Widmann, der schon 1938-1942 ein eigenes Orchester geleitet hatte, erschien 1946 wieder auf der Szene und wurde zum zunächst populärsten Mann im deutschen Nachkriegs-Big-Band-Geschäft. Zu seinem Repertoire gehörten sowohl die besten Nummern aus Lionel Hamptons Notenmappe wie wilde Boogies, die zu den Höhepunkten der damals so beliebten Jitterbug-Turniere wurden. Widmann ist der einzige deutsche Bandleader, dessen Leben verfilmt wurde. "Musik im Blut" hieß der 1955 gedrehte Film, mit Victor de Kowa in der Hauptrolle und der unvergessenen Sängerin Gitta Lind. In Leipzig leitete Kurt Henkels ein auch im Westen viel beachtetes Rundfunk-Tanzorchester und machte 1948 mit Rolf Kühn im Saxophonsatz seine ersten Aufnahmen für Amiga. Legendär wurde "Cherokee", aufgenommen im Januar 1950, mit dem High-NoteSpezialisten Horst Fischer und Werner Baumgart, der auch das Arrangement schrieb. Hamburg hatte Benny de Weille und Franz Thon, Baden-Baden Karl Friedrich Homann, Stuttgart Lutz Tempfin. Eine Vielzahl von Orchestern gab es in München: Herbert Beckh, Ernst Jäger, Charlie Tabor, Heinz Schachtner. Max Greger, der mit seiner berühmten Keller-Club-Combo freitags abends im AFN in ganz Europa gehört wurde, ließ beim Jubiläumskonzert der "Mitternacht in München" zum ersten Mal sein im Stil der schwarzen Harlemmusiker gespieltes Tenorsaxophon von einer Big Band feiern. Im Cafe Victoria debütierte 1948 Joe Wick mit einer hochkarätigen Besetzung, für die Sigi Stenford und Delle Haensch die Arrangements schrieben. Aber die Geschichte der Band war allzu kurz und endete in dem Moment, als in der Pause eines Auftritts im Frankfurter "Regina" ein Mann namens Kurt Edelhagen alle Musiker weg-engagiert haben soll, darunter die großartigen Trompeter Fred Bunge und Hanne Wilfert, den Posaunisten Erich Well und den Altsaxophonisten Paul Biste. Bei den Amerikanern im Heidelberger Raum gab es zwei längst vergessene Bands, Gene Hammers und Gerald Weinkopf (der spätere LehnSaxophonist). Auf der AirBase in Ramstein spielte Lutz Dietmar, eine Band mit einem sagenhaften Glenn-Miller-Saxophonsatz, den später Max Greger übernahm. Auch in Wien spielte man in dieser Zeit Swing. Bekannt wurde das Orchester von Johannes Fehring mit der hervorragenden Sängerin Charlotte Rank, die später oft in Fatty George's "Tabarin" auftrat.
2. Im Land der Big BandsIn Berlin gründete dann der als Posaunist und Arrangeur aus der Band von Widmann hervorgegangene Werner Müller das RIAS-Tanzorchester. Die Aufnahmen für den "Rundfunk im amerikanischen Sektor" waren durch Störgeräusche im Westen so gut wie unhörbar. Das änderte sich schnell, als seine neue Schallplattenvertragsfirma Polydor das Orchester nicht nur aufnahm, sondern in jährlichen großen "Musikrevuen" in ganz Westdeutschland präsentierte und schnell zur damaligen Big Band No. 1 machte. Mit einem Male gab es in Deutschland ein Orchester, das gekonnt eigene Arrangements anstelle der bisher meist üblichen Kopien spielte und seinen amerikanischen Vorbildern wie Les Brown oder Ray Anthony in nichts nachstand. Die Glanzzeit des Orchesters waren die Jahre von 1950 bis 1955, solange der Trompeter Macky Kasper und der Klarinettist Rolf Kühn dabei waren. Macky Kasper, der vorher bei Lubo D'Orio, Dobschinski und Widmann, dann mit Rex Stewart bei der berühmten Hot Club Berlin Session gespielt hatte, war der erste und neben Horst Fischer vielleicht einzige deutsche Solist, der richtigen Star-Ruhm, so etwa wie Harry James in Amerika, genoss.
Überspringen wir jetzt einige Jahre, um in Berlin zu bleiben. Werner Müller ging 1966 nach Köln, wo er das Tanzorchester des WDR übernahm. Seine Nachfolger beim RIAS wurden Dave Hildinger, Helmut Brandenburg, Horst Jankowski, und Jiggs Whigham. Inzwischen wurde der Sender Freies Berlin gegründet und dessen SFB-Tanzorchester leiteten zunächst Roland Kovac und Jerry van Rooyen, dann Paul Kuhn. Paul, ein alter Bekannter auf der deutschen Jazzszene, damals mehr Entertainer, heute wieder ungemein aktiv mit den sogenannten "Swing Legenden", holte sich mit Milo Pavlovic, Carmell Jones, Ake Persson und Leo Wright Klasse-Solisten an die Spree. Noch wichtiger aber war das Finden eines Produzenten für eine Fernsehserie, in der man "The Big Hits of the Big Bands" spielen konnte, swingend vom ersten bis zum letzten Takt. In Frankfurt hatte inzwischen der Klarinettist Heinz Schönberger die Leitung der Band übernommen und eine ganze Reihe neuer Solisten vorgestellt: Conny Jackel, Torolf Kristensen, Wilson de Oliviera und einen exzellenten Pianisten, Manfred Kullmann. Unvergessen bleibt die Konzertreihe "The Singin' Swingin' Years", die regelmäßig im Palmengarten stattfand. Dann kam Kurt Bong, der Drummer, der sein Handwerk bei Klaus Doldinger und Max Greger gelernt hatte. Er war es, der aus dem altgedienten Tanz- und Swingorchester eine richtige Jazz Big Band machte.
3. Treffpunkt JazzWaren bisher die Swing Big Bands für die deutschen Orchester die großen Vorbilder, änderte sich das erstmals Ende 1949, als Kurt Edelhagen für Austroton Progressive Jazz aufnahm und wenig später in Wien Bemerkenswertes geschah. Horst Winter, der schon in den 40er Jahren mit für die damalige Zeit avantgardistischen Stücken Aufsehen erregt hatte und später einem breiten Publikum als Schlagersänger bekannt wurde, spielte mit seinem Orchester, zu dem auch Hans Koller gehörte, in Titeln wie "Ray's idea" mit einem Male Bebop a la Gillespie, "Und selbst das RIAS-Tanzorchester", schrieb Joachim-Ernst Berendt", adaptierte in einigen Aufnahmen den Stil des berühmten Miles Davis Capitol Orchestra, das damals das Klangideal für den kühlen Jazz des Jahrzehnts formte." Im Offizierskasino des I.G. Hochhauses in Frankfurt, dem Sitz der amerikanischen Militärregierung, spielte Kurt Edelhagen. Die Amerikaner nannten das Orchester"The Best Band in European Command". Seine Arrangeure Erich Becht, Paul Biste, Heinz Meyer und Fred Bunge verstanden es, eine europäische Variante des Progressive Jazz zu schaffen, mit vielen Parallelen zum Kenton Orchester dieser Jahre und dem von Pete Rugolo für Stan Kenton geschriebenen Band Book. In seiner langen Laufbahn hat Edelhagen nie kompromissloseren Big Band Jazz gespielt. 1949 ging er zum Sender Nürnberg des Bayerischen Rundfunks, 1952 nach BadenBaden zum damaligen Südwestfunk. Immer auf er Suche nach noch besseren Solisten, holt er Leute wie die Saxophonisten Franz von Klenck und Paul Martin, sagenhafte Namen im deutschen Jazz, in seine Band. Dazu den Trompeter Rolf Schneebiegl, Otto Bredl, Posaune, und Helmut Reinhardt, Baritonsaxophon. Alle waren auf "Rhapsody In Jazz", einer Brunswick-LP, zu hören. Heinz Kiessling, Wolfgang Förster und später Roland Kovac schrieben ein neues Band Book mit einer Präzision, wie man sie bis dahin nicht gekannt hatte. Im März 1954 begannen die legendären Mitternachtssendungen "Jazztime Baden-Baden", deren Mitschnitte in Sammlerkreisen heute schon Kultstatus haben. Mittwochnachts saß man in ganz Europa gespannt vor den Radios, um "live" das Orchester und die Edelhagen All Stars zu hören. Kurz danach spielte die Band, inzwischen selbst von den internationalen Fachzeitschriften Europas Nr. 1 genannt, auf dem Salon du Jazz in Paris. Bill Russo, viele Jahre Posaunist und Arrangeur im Kenton Orchester, sagte: "I never heard a better band in my life." Kaum aus Paris zurück, hat er dann selbst, wie auch Bill Holman, Marty Paich und Gerry Mulligan, für Edelhagen komponiert und arrangiert. Es waren Meilensteine des deutschen Big-Band-Jazz, die selbst die spätere Kölner Edelhagen-Band kaum mehr erreichte. Beim Südwestfunk wurde Eddie Sauter der Nachfolger Kurt Edelhagens. Der ehemalige Meisterarrangeur Benny Goodmans und des Sauter-Finegan Orchesters veränderte mit seinen sparsam, stimmig und durchsichtig geschriebenen Stücken, in deren Blickpunkt stets Holzbläser und Perkussionisten standen, die bis dahin in Deutschland gängige Art, Jazz in der Big Band zu spielen. Zudem zog er eine Reihe hervorragender Musiker nach Baden-Baden, darunter den überragenden Musiker der deutschen Jazzszene der 50er Jahre, Hans Koller. Später übernahm Rolf-Hans Müller das SWF-Tanzorchester. Dieter Reith, später selbst Bandleader, war sein Pianist. Inzwischen präsentierte Edelhagen innerhalb weniger Wochen beim Westdeutschen Rundfunk in Köln ein neues Orchester, eine wahre All Star Band mit erfahrenen Big-Band-Spezialisten aus neun verschiedenen Ländern, darunter zwei Musiker, die in England bei Jack Parnell gespielt hatten, den Altsaxophonisten Derek Humble und den Trompeter Jimmy Deuchar. Mehrere tausend Tonbandaufnahmen hat er hier für den WDR gemacht, aber in der ganzen Zeit nur eine einzige Jazz-LP, und die gleich zu Anfang. Da damals die UKW-Strahlen des WDR in Richtung Süden kaum über die Kölner Stadtgrenze hinaus reichten, hörten seine alten Stammhörer das Orchester nur noch bei seltenen Gastspielen wie auf den Frankfurter Jazz Festivals und erstaunten hier vor dem Anblick so vieler renommierter internationaler Musiker in einer deutschen Band. "Diese Edelhagen All Star Band", sagt Bernd Hoffmann, "war der Grundstein einer beginnenden eigenständigen europäischen Entwicklung des Jazz und Ausgangspunkt einer Tradition, der sich heute aktuelle Improvisatoren unbewusst aber oft bedienen." Nachdem die ersten Gründungsmitglieder wieder abgewandert waren, hatte Edelhagen dann Mitte der 60er Jahre eine seiner besten Besetzungen, mit Shake Keane in der Trompetengruppe, Jiggs Whigham, Derek Humble, den Tenoristen Wilton Gaynair und Karl Drewo und einer vorzüglichen Rhythmusgruppe um den Pianisten Bora Rocovic. Man machte große Tourneen bis nach Moskau und Kairo, ein Konzert im Ostberliner Friedrichstadtpalast wurde von Amiga in der DDR veröffentlicht und zwischen Jazzfreunden in Ost und West zu einem begehrten Tauschobjekt.
Mit "Jazz At The Television Tower" auf Electrola, Horst Jankowski und dem neuen Altsaxophonisten Bernd Rabe ist Erwin Lehn in die 60er Jahre geswingt, holte dann Joki Freund und zwei Ex-Kenton-Satzführer, Buddy Childers und Bobby Burgess, nach Stuttgart und schrieb weiter Big-Band Geschichte. Bei den Heidelberger Jazztagen 1972 standen Erwin Lehn und Kurt Edelhagen noch einmal auf derselben Bühne, und der von Joki Freund geschriebene "Jasmina's dance", fast eine Free-Jazz-Exkursion und damit weit über den mit dieser Retrospektive gesteckten Rahmen hinausgehend, wurde zur eigentlichen Sensation dieses Festivals. Das Schwesterstück ist "Color'und wurde für MPS aufgenommen.
4. Orchester in der DDRDie DDR hatte ihre eigene Big-Band-Tradition. Ihre Geschichte reicht von Kurt Henkels in Leipzig über die Orchester in Dresden bis nach Ostberlin zum von Günter Gollasch und später Martin Hoffmann geleiteten Rundfunktanzorchester und zur Klaus Lenz Big Band der 60er Jahre, deren bestes Stück "Kleines Lied für Eric" heißt. Gemeint ist Eric Dolphy, und nicht nur Ernst-Ludwig Petrowskys großes Altsaxophonsolo bewies, dass man auch hier den Anschluss an die internationale Spitzenklasse gefunden hatte. Nachdem Henkels im Sommer 1959 in den Westen flüchtete, übernahm zunächst Gerhard Kneifel, dann der Pianist und Arrangeur Walter Eichenberg, später Eberhard Weise, der schon 1957 eine eigene Band hatte, das Leipziger Orchester. Auch in der DDR gab es eine Vielzahl von jazzorientierten Tanzorchestern, wenn es auch von den meisten keine Tonträger gab. So hatte der alte Henkels-Schlagzeuger Fips Fleischer nicht nur eine der besten, sondern auch populärsten Bands, schon bevor sie regelmäßig im DDR-Fernsehen auftrat. Zeitzeugen nannten auch die Orchester von Karl Walter, Alo Knoll, Joe Dixie und Karl Meier. Wahre KultBands gab es in Dresden: Heinz Kretzschmar und seine Solisten und die Dresdner Tanzsinfoniker, geleitet von Günter Hörig. "Jazz in Deutschland aus dem Amiga-Archiv" enthält mit dem "Creole love call" und "Walkin' shoes" Meilensteine aus jener Zeit.
5. Ende und NeubeginnInzwischen gab es das ZDF. Dorthin holte man 1963 Max Greger. "Man sagte mir, wir wollen ein großes Orchester. So etwa wie Edelhagen in Köln", erzählte er. Sie können aufstocken auf 17 Mann, und holen Sie sich die besten Leute ..." Das machte er auch. Bald saßen internationale Jazzstars wie Benny Bailey, Dick Spencer und Don Menza in der Band. Ursprünglich nur für Show-Zwecke eingekauft, spielte das Greger Orchester besonders in der Anfangszeit regelmäßig auch bei Jazzkonzerten und Festivals, so auch 1964 als erste Big-Band auf den Berliner Jazztagen. Zwei Jazzplatten wurden produziert und erhielten selbst im Down Beat Spitzenbewertungen: "European Jazz Sounds" und "Maximum", beide auf Polydor bzw. Brunswick. Sie enthielten die vorerst letzten Höhepunkte der deutschen Big-Band-Geschichte. Denn die schien nun wirklich zu Ende zu gehen. Greger zog sich in die vornehmen Ball Rooms zurück, Hugo Strasser zelebrierte allerfeinste Tanzmusik, Edelhagen spielte 1968 zum achten und letzten Mal auf dem Deutschen Jazz Festival. Auch die anderen großen alten Namen blieben noch eine Zeit lang auf der Bühne, ehe sie dann doch aufgaben oder juristischen Ränkespielen und Kündigungen zum Opfer fielen. Was blieb waren die Party-Orchester, die mit ihren "Happy Sounds" dem Publikum den Geschmack und den anderen Orchestern das Geschäft verdarben, und allenfalls Peter Herbolzheimer mit seiner Rhythm Combination and Brass. Er war, wie auch Francy Boland, Rob Pronk und Jerry van Rooyen zunächst als Arrangeur des Kölner Edelhagen Orchesters bekannt geworden. Jetzt müssen wir einige Jahre überspringen. So lange dauerte es, bis landauf-landab überall Hochschul-, Landes- und Bundesjugendorchester, sogar Rehearsal-, Festival- und Road Bands gegründet wurden. Mit "The Best of the Big Bands" sind die Swing-Legenden mit der SWR Big Band nach wie vor unterwegs, vor ausverkauften Konzertsälen und in altehrwürdigen Stätten wie dem Leipziger Gewandhaus oder der Alten Oper in Frankfurt. Aber auch im deutschsprachigen Raum hatte man inzwischen Gil Evans, Thad Jones oder Toshiko Akiyoshi genau zugehört, Free und Rock verdaut und es geschafft, Neues mit Tradition zu verbinden. Bis dahin unbekannte Namen belebten die Szene: Thilo Wolf, Harald Rüschenbaum, Dejan Terzic, die Frankfurt Jazz Big Band und, besonders originell Klaus König und Ed Partyka, besonders kreativ das Vienna Art Orchestra unter Mathias Rüegg. Ihre Geschichte muss noch geschrieben werden. Ganze Scharen junger Musiker machten auf sich aufmerksam. Als dann bei den Rundfunkorchestern die Pensionierungswelle begann, hatte man die große Auswahl. Bald merkte man aber, dass den meisten jene Aura von Wagemut und Abenteuer fehlte, die ihre Vorgänger umgeben hatte. Die hatten in Amiclubs und Jazzkellern gelernt, mit den amerikanischen Musikern nach Konzerten gejammt. Ihre Nachfolger haben auf Hochschulen studiert. "Technisch können diese Jungs alles", schreibt Günther Huesmann. "Im Notenlesen sind sie unschlagbar, sie spielen immer höher und immer schneller. Aber Individualität, das magische Ziel eines Jazzmusikers, bleibt merkwürdigerweise auf der Strecke..." Vier große Rundfunkstationen halten sich ihre Band. Ihre Leiter sind Dieter Glawischnig in Hamburg, Michael Abene in Köln, Jörg Achim Keller in Frankfurt, alle drei vorzügliche Arrangeure. In Stuttgart tritt man bei Jazz-Projekten mit wechselnden Gastdirigenten auf. Alle vier Orchester gehören zum Besten, was es heute auf der internationalen Big-Band-Szene gibt. Nicht zuletzt deshalb kommen immer wieder Solisten von Weltruf und die renommiertesten amerikanischen Spitzenarrangeure (Bill Holman, Bob Brookmeyer, Maria Schneider, Carla Bley u.v.a.) regelmäßig nach Deutschland, um hier ihre neuen Kompositionen einzustudieren und aufzunehmen - was in einer solchen Präzision nicht nur schon aus Zeit- und Kostengründen in den USA unmöglich wäre. Zu den Solisten der Bands gehören bzw. gehörten beim WDR neben Rick Kiefer und Jon Eardley auch Olivier Peters und Rolf Römer, beim NDR Herb Geller, Roman Schwaller, Christof Lauer, Claus Stötter und Lutz Büchner, beim hr Tony Lakatos, Axel Schlosser, Günter Bollmann, Heinz-Dieter Sauerborn und Thomas Heidepriem, beim SWR Marc Godfroid, Andi Maile, Jörg Kaufmann und Klaus Graf. Es sind wahre Solistenensembles - aber sie haben nicht mehr die Ausstrahlung, den Glanz und die Faszination, die noch die großen Namen aus den 50er Jahren hatten. Die hatten zwar auch dann und wann Avantgarde-Musik gespielt, aber nie im Sinn, unbedingt Kulturaufträge erledigen zu müssen oder sich allzu oft mit stil- und spartenübergreifenden Projekten von Kindermusik bis HipHop oder keltischer Musik bis Zappa zu beschäftigen. Und doch haben die heutigen Orchester bewiesen, dass die konventionelle große Besetzung auch auf der aktuellen musikalischen Szene beachtliche Möglichkeiten besitzt. Die berühmte Frage, ob die Big Bands irgendwann wieder zurückkommen, braucht man in Deutschland nicht mehr zu stellen. Wolfgang Dohl |
|
Die Geschichte des Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt (1953-1966) |
|
Zum ersten Mal 1953 - also das älteste Jazz-Festival der Welt? Wenn
es auch so mancher gern hätte. Nein - es gab schon 1948 Festivals
in Paris und Nizza. Das älteste regelmäßig stattfindende
Jazz-Festival? Ja - mit Einschränkungen. Sicher ist: George Wein
begann in Newport erst 1954 ein Jahr nach Horst Lippmann in
Frankfurt, dem damaligen Hotelbesitzer und Hobby-Schlagzeuger,
Plattenrezensent des Jazz Podiums und späterem Chef der größten
europäischen Konzertagentur. 2002 wird man sich in Frankfurt zum
33. Mal treffen, und wenn andere Festivals inzwischen öfter
stattfanden, liegt das nur daran, dass man in Frankfurt seit
1958 nur alle zwei Jahre, seit 1990, in unregelmäßigen Jahresrhythmen
feierte.
Wolfgang Dohl
Seit Kriegsende war Frankfurt so etwas wie die "deutsche Jazzhauptstadt". Wenige Tage nach Einmarsch der Amerikaner, am 17. Mal 1945, erhielt das Sextet des Hot Club Frankfurt (mit Carlo Bohländer, Paul Martin, Louis Freichel, Hans Otto Jung, Heinz Tischmann und Ata Berk) von der Militärregierung die Genehmigung, bis jur Ausgangssperre um 20 Uhr" für deutsches Publikum im "Tivoli" am Goetheplatz zu spielen. "At Lippmann's" hieß ein Club im Hotel der Eltern von Horst Lippmann. Hier jammten deutsche und amerikanische Musiker bis 6 Uhr morgens, und so lange war auch, wegen der Ausgangssperre, die Tür verriegelt. Bald gab es in keiner anderen Stadt so viele Jazzkonzerte. Buskolonnen, die amerlkanische Gls aus den umliegenden Kasernen, vom Rhein-Main-Flughafen, selbst aus Stuttgart, Heidelberg oder Würzburg herangekarrt hatten, Luxuslimousinen mit denen die hochrangigen Offiziere aus dem Hauptquartier im IG-Hochhaus gekommen waren, standen in kilometerweitem Umkreis um den legendären, inzwischen längst abgerissenen Althoffbau im Zoo - und wer als Deutscher seine Beziehungen hatte, bekam auch eine Eintrittskarte, zumal zum Glück meist zwei Vorstellungen am gleichen Abend stattfanden. Und dann gab es die großen Jam Sessions im "Jazz Keller` in der Kleinen Bockenheimer Straße, und es gab die vielen amerikanischen Clubs, in denen man nur die besten deutschen Musiker haben wollte und diese von München, Berlin und überall her nach Frankfurt lockte. 1951 feierte der Hot Club sein zehnjähriges Jubiläum mit einem viel umjubelten Konzert, das zum eigentlichen Vorläufer der Deutschen Jazz Festivals wurde. Im Zirkusrund des Althoffbaus spielten die Two Beat Stompers, das Paul Kuhn Quintet, Franz von Klenck und die Joe Klimm Combo mit Werner Fink, Albert Mangelsdorff und Joki Freund - die erste Band, die "modernen Jazz" in Deutschland bot. Von all dieser Pracht sind zwar Erinnerungen, aber keine Tonaufnahmen erhalten geblieben, nur von Joe Klimm hatte der Südwestfunk noch ein paar Bänder in seinem Archiv. Ich selbst habe alle Festivals von 1953 an besucht, aber Joachim-Ernst Berendt hat mir bei einem Treffen in Baden-Baden noch 25 Jahre später begeistert von diesem Konzert und einem Solo über "The man 1 love" von Franz von Klenck erzählt. Die ersten drei Frankfurter Festivals wurden dann von Telefunken und Brunswick (1990 auf Bear Family wiederveröffentlicht) mitgeschnitten, ab 1956 brachte nur Brunswick noch ein paar Titel, später wurden Aufnahmen immer seltener. Heute will man uns weismachen, wie schlecht die Akustik im Althoff bau gewesen sei. Genau das Gegenell ist der Fall. Namhafte Schallplattengesellschaften benutzten das Haus immer wieder als Aufnahmestudio, und das nicht nur für Jazzproduktionen. Die ursprüngliche Konzeption des Festivals war, den deutschen Jazz zu repräsentieren. So gab es keinen bedeutenden deutschen Musiker, der hier nicht gespielt hätte. Bis in die sechziger Jahre hinein war das Festival das Jazzereignis in Deutschland, alle wesentlichen Impulse des Jazz in Deutschland sind von hier ausgegangen. Seitdem wurde die Ausstrahlung von Jahr zu Jahr geringer, heute ist es ein Festival unter vielen ... Am 3. Mai 1953 fand das 1. Deutsche Jazz Festival statt. Die Two Beat Stompers -sicher spielen die heutigen Traditional Bands musikalisch sauberer, aber lange nicht mit so viel Swing und Drive - Carlo Bohländer und die Folk-Blues-Legende Big Bill Broonzy traten im ersten Teil, die Deutschen All Stars im zweiten Teil auf. Es war die erste und einzige All Star Band, die (fast) exakt nach den Ereignissen eines Polls im Jazz Echo" (einer regelmäßigen Beilage des "Gondel Magazins") aufgestellt wurde. Der"Basin Street Blues", gespielt vom Trompeter Fred Bunge, und "It's the talk of the town" mit dem jungen, damals Jazz-besessenen Max Greger auf dem Tenorsaxophon gehören wie die enorm swingende Rhythmusgruppe um Paul Kuhn, Klavier, und Teddy Paris, Schlagzeug, zu den absoluten Höhepunkten nicht nur dieses Festivals. Übrigens ist man später dazu übergegangen, All Star Bands nicht mehr nach den Leserumfragen zusammenzustellen, da sich viele Fans einen Spaß daraus machten, lokalen Größen oder gar Türstehern aus Clubs so viele Stimmen zu geben, dass sie auf den vorderen Plätzen landeten ... 1953 war auch das Jahr, in dem die Hans Koller New Jazz Stars mit Jutta Hipp und Albert Mangelsdorff zur überragenden Combo des deutschen Nachkriegs-Jazz wurden und für Vogue und Brunswick insgesamt 14 Titel einspielten. Sammler können sie auf CD unter "The Saxophone Collection" (Vogue 743216102) und "Jazz Collector's Classics" (Ltd. Edition Polymedia Marketing 517621-2) vielleicht noch finden. Wer die New Jazz Stars bei den Festival-Tagen hören wollte, musste abends in den "Jazz Keller" gehen, beim Festival hatte man sie bedauerlicherweise nicht präsentiert, weil sie ein paar Wochen vorher im Althoff bau im Konzert mit Dizzy Gillespie vorgestellt worden waren. Schon beim 2. Deutschen Jazz Festival 1954 waren aus dieser Gruppe zwei Bands geworden. Jutta Hipp gründete ihr eigenes Quintett (mit den Saxophonisten Joki Freund und Emil Mangelsdorff und dem Ex-Koller Schlagzeuger Karl Sanner), Hans holte für Jutta aus Wien den Pianisten Dr. Roland Kovac - einen Mann, der Kontrapunkt und strenge Harmonik studiert hatte und dies alles nun auf Kollers Musik anwandte. Mit seinen eigenwilligen Arrangements, den weitgehend durchkomponierten Themen, langen Solopassagen und einer aus der E-Musik übernommenen Technik war Kovac wegweisend für vieles, was auf der Jazzszene dieser Jahre geschah. Die Koller-Kovac-Aufnahmen vom Festival 1954 und auf Gigi Campis MOD-Label sind eine wahre Fundgrube für das Studium der Weiterentwicklung des anfangs der 50er Jahre entstandenen Tristano-Konitz-Stils zu einem hochrangigen Cool Jazz österreichisch westdeutscher Prägung. Heute erscheint diese Zeit (1953-1955), in der in Amerika Getz, Baker oder Mulligan im Blickpunkt standen, als eine der wenigen Perioden, in der europäische Musiker den internationalen Standard erreichten, wenn nicht übertrafen. So gab beispielsweise das Down Beat 1953 der Koller-Hipp-Version von "Stompin'at the Savoy" die Höchstwertung von fünf Sternen - eine Auszeichnung, die später kaum mehr an europäische Platten verliehen wurde ... Uberhaupt war das 1954er Festival vielleicht das herausragende aus diesen Jahren. Es würde Seiten füllen, all die Musiker aufzuzählen, die in Frankfurt gespielt haben - so können nur die Highlights der jeweiligen Festivals erwähnt werden. Neben Jutta Hipp und Hans Koller spielten beispielsweise der Klarinettist Rolf Kühn, das Paul Kuhn Quartet, das Rediske Quintet, Wolfgang Sauer und Hugo Strasser - vielumjubelt als Vertreter der berühmten Münchner Keller Club Combo. Dazu erstmals das Orchester Kurt Edelhagen auf dem Rückweg von seinem grandiosen Auftritt beim Salon du Jazz in Paris. 1955 traf man sich zum letzten Mal im Althoffbau. Aus Stuttgart war Erwin Lehn zur "Big Band Battle" mit Edelhagen gekommen, Attila Zoller spielte das erste seiner legendären Duos mit Albert Mangeldorff, die Helmut Brandt Combo überraschte mit ihrem eigenwilligen Sound, München wurde durch die Delle Haensch Jump Combo mit Klaus Ogermann glänzend vertreten. 1956 gab es den Althoffbau nicht mehr, im Zoo brauchte man den Platz für ein Eisbären-Gehege. Von nun an waren die Kongresshalle in der Messe, später auch das Volksbildungsheim am Eschenheimer Turm (mit einer grausamen Akustik), der Große Sendesaal im Funkhaus des Hessischen Rundfunks oder der Palmengarten die Treffpunkte der Jazzellte. Aus Wien hatte Horst Lippmann die Fatty George Band geholt, "traditionell" mit dem Trompeter Oscar Klein, "in modern" mit Joe Zawinul, Bill Grah und Karl Drewo. Aus heutiger Sicht kam das ein Jahr zu früh, denn erst um die Jahreswende 1956/57 entwickelte sich im "Tabarin" in Wien die hochinteressante Version eines österreichischen Hardbop-Stils und eine der besten europäischen Bands, die sich 1958/59 mit.dem Wechsel von Karl Drewo in das Kölner Edelhagen Orchester und der Übersiedelung von Zawinul nach New York gar zu schnell auflöste. Vom 1956er Festival wäre noch ein kleineres Highlight zu vermelden: die "Jazz Overtüre", die Erich Becht für das Tanzorchester des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von Willy Berking schrieb. Heinz Schönberger und Albert Mangelsdorff waren die Solisten. 1957 gab es gleich vier Big Bands: Lehn, Edelhagen, Werner Müller und die 7th US Army Band, zu der Don Menza und Cedar Waiton gehörten. Aber neben all den bekannten, immer wieder nach Frankfurt geholten Namen, muss das Joki Freund/Albert Mangelsdorff Sextet besonders herausgestellt werden. Es war der letzte Höhepunkt des europäischen Cool Jazz. Zu der Zeit sprach man bereits von einem "Frankturt Sound", und das nicht nur in Deutschland, sondern in Amerika, Frankreich und Polen. So war es nicht erstaunlich, dass es französische und polnische Plattenfirmen waren, die den"Frankfurt Sound" dokumentierten und zu einem Stilbegriff wie "West Coast Jazz" oder "Cool Swedes" machten. Olaf Hudtwaicker verdanken wir eine ausführliche Analyse dieses Stils: "Der Vorläufer des Frankfurter Stils war das Joe Klimm Sextet, aber zum ersten Mal manifestiert wurde er, als Hans Koller, Karl Sanner und Jutta Hipp 1952 von München nach Frankfurt übersiedelten. Der eigentliche Stil entstand aber erst, nachdem Jutta nach Amerika ausgewandert war und Albert Mangelsdorff sich von Hans Koller trennte. Er wurde geprägt durch die Umstände: das Fehlen eines Pianisten, der Jutta Hipp hätte ersetzen können und der Mangel an Jazztrompetern, die in der Lage waren, innerhalb eines Ensembles die erste Stimme zu spielen. Aber der spezielle Sound aus Frankfurt bestand eben darin, dass das Tenorsaxophon die erste Stimme spielte, das Altsaxophon eine Überstimme und die Posaune sich mit der Geschmeidigkeit eines Saxophons diesem Satz anpasste." Aus dem 1957er Festival Konzert in der Kongresshalle stammt auch Joki Freunds ,Domicile" - die vielleicht schönste Komposition des deutschen Jazz. 1958 hielt auch in Frankfurt der Hardbop seinen Einzug: das Günter Kronberg Quartet, Dr. Roland Kovac mit Stu Hamer und Klaus Doldinger, auch Inge Brandenburg stehen im Festivalprogrammheft. Mit einem Konzert war man wieder in den Zoo zurückgekehrt. Im Gesellschaftshaus spielte das Baden-Badener Eddie Sauter Orchester mit Hans Koller. 1959 gab es kein Festival - und wieder hatte man die Chance verpasst, eine einmalige Combo zum Festival zu holen: das Hans Koller/Oscar Pettiford Quintett mit Kenny Clarke am Schlagzeug. Weiter ging es 1960, wieder mit Lehn und Edelhagen, dazu das erste Albert Mangelsdorff Quintett mit Bent Jaedig, Peter Trunk und Hartwig Bartz (wer es gehört hat, schätzt es zu Recht noch höher ein als das spätere Quintett mit Sauer, Lenz, Hübner & Co.). Von den Konzerten zwei Jahre später ist der Auftritt von Benny Bailey mit dem SFB-Quintet in Erinnerung geblieben. Benny sagte mir ein paar Jahre später, dass er nie besser gespielt habe als an diesem Abend. Allmählich fügte man ausländische Stars in die Programme ein, so 1964 Don Menza und Dick Spencer oder das Joe Harrlott Quintet mit Shake Keane. Free Jazz von deutschen Musikern hörte man erstmals 1966: Peter Brötzmann, Manfred Schoof, Gunter Hampel. Da es 1965 kein Festival gab, trat das Gunter Hampel Quintet mit Alexander von Schlippenbach, das gerade die legendäre MPS-Platte "Heartplants" aufgenommen hatte, leider nie in dieser Besetzung in Frankfurt auf. 1966 gab es das zehnte Festival, und dieses Jubiläum wurde mit einem Rückblick auf die Geschichte des deutschen Nachkriegs-Jazz ausführlich und gebührend gefeiert: Hans Koller, Albert Mangelsdorff, Joki Freund, Rolf Kühn und die Big Bands von Lehn, Edelhagen und Greger machten aus einem Konzert in der Jahrhunderthalle ein unvergessliches Erlebnis. Ob es bei den folgenden Festivals auch derartige Momente gab, wird deren Geschichte, die noch geschrieben werden muss, zeigen. Edelhagen (1968), Mangelsdorff (1970), Christof Lauer mit Joachim Kühn (1982) und Heinz Sauer (1986) könnten dazu zählen ... Zitieren wir zum Schluss Dr. Ulrich Olshausen: "Die Einflussnahme des Hessischen Rundfunks auf das Festival wuchs kontinuierlich. Am Anfang nahm er auf, was kam und bewahrte nicht alles. 1967 richtete er eine Jazzredaktion ein, deren Mitsprache nötig wurde - nicht etwa wegen aufkommender Geschmacksdifferenzen, sondern weil sich Horst Lippmann aus gesundheitlichen Gründen weitgehend zurückziehen musste. 1984 wurde der HR alleiniger Veranstalter des Festivals. Sein Profil, den wichtigen deutschen Jazzmusikern Produktionen abseits der Alltagsroutine zu ermöglichen und ihnen prominente Amerikaner gegenüberzustellen, hat es bis heute nie zu verleugnen versucht."
|